Sonntag, 26. April 2009

“Fortgeschrittenentraining” für Atemschutztrupps

von Martin Appelt

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Zuletzt am Dienstag, 28. Oktober 2014 geändert.

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Neuerungen in der Technik bzw. in der Arbeitsweise sind im Feuerwehrwesen nicht ganz leicht zu erarbeiten. Viele Länder mit unterschiedlicher Ausgangslage bedingen eine schier unüberschaubare Fülle an Lösungsansätzen. Eine Kernaufgabe der Ausbildner ist klarerweise, diese neuen Ideen - und zwar tatsächlich aus aller Welt - aufzugreifen und und Brauchbarkeit zu prüfen.

Ein Kamerad aus Kanada hat hier ein paar wissenwerte und interessante Ansätze für das Vorgehen im Inneren von Gebäuden zusammengetragen, fällt unter das Stichwort RIT – "Rescue and Intervention":

Ziel der Ausbildung ist es, dem AS-Trupp ein Repertoire an Techniken zu vermitteln, die es dem Trupp im Falle des Falles, wenn etwas schief geht, ermöglichen

1) aus dem Gefahrenbereich im Inneren eines Objektes trotz erschwerter Bedingungen herauszukommen, und
2) einem AS-Träger, der im Inneren eines Objektes handlungsunfähig geworden ist, rasch und effektiv zu helfen. Das ist die Rolle – so wie in Österreich auch – des Rettungstrupps.

In anderen Worten: Wo alle anderen rausrennen, rennen die Atemschutztrupps der Feuerwehr rein. Wo die Atemschutztrupps rausrennen, da rennt das RIT Team rein.

Voraussetzungen sind das schulmässige Beherrschen der Innenangriffstechniken und perfekter Umgang mit dem AS-Gerät.

Die erste Ausbildungsstufe erfolgt in der Halle.
Nur um festzustellen, ob die Teilnehmer tatsächlich geeignet sind, gibt es die erste Runde: Von Strassenkleidung bis in komplette PSA (ja, auch Flammschutzhaube und Handschuhe), AS-Gerät angelegt und aus der Flasche atmend muss in maximal 90 Sekunden geschafft werden.

Der nächste Schritt ist das Erlernen verschiedener Techniken um das AS-Gerät abzunehmen und wieder anzulegen, ohne die Maske abzunehmen oder das Atmen aus dem Gerät zu unterbrechen und ohne sich unnötig vom Boden zu erheben. Dies wird immer dann notwendig, wenn extrem enge oder niedrige Öffnungen zu durchkriechen sind, oder wenn man sich in Drähten oder ähnlichem komplett verfangen hat.

Der erste Schritt beim Retten eines verunglückten AS-Trägers ist immer das Lösen des Bauchgurtes, der dann im Schritt des Opfers ) also “zwischen den Beinen” wieder geschlossen wird. Damit ist sichergestellt, dass man dem Opfer das AS-Gerät nicht von den Schultern ziehen kann, wenn man die Schultergurte zum Ziehen verwendet.

Die nächste Ausbildungsstufe erfolgt erst unter Teilsicht, dann null Sicht in “Übungskisten”:

Ein Feuerwehrkamerad und sein TRUCK!Fertigmachen der Trupps. Siehe die Uebungskisten im Hintergrund!EINER dieser beiden wird es schwieriger haben!Retten eines ASTraegers in beengten VerhaeltnissenRetter muss ueber das Opfer drueber...Bauchgurt wird im Schritt durchgezogen - damit bleibt das AS Geraet sicher am Mann wenn man an den Schulterriemen zieht.2. Retter in der Ecke - fuehrt die AS Flasche des Opfers in die Fensteroeffnung...und raus beim Fenster!Willkommen im Puppenhaus. Nur, wenn man sich durch die Oeffnung dreht, kann man da durch!Fluchen ist erlaubt.Das AS-Geraet muss abgenommen und zwischen den Beinen gelagert werden, damit man bei dieser Oeffnung durchkommt.Furchtbar eng.Fluchen ist noch immer erlaubt.Hurra.....Wenn gar nix mehr geht, muss das AS Geraet runter...


Damit werden vor allem drei Szenarien dargestellt:

1) Verfangen in Kabeln und Drähten; “Schwimmbewegungen” zum Befreien, und, wenn das nicht klappt, Gerät ablegen, durckriechen, Gerät wieder anlegen.
2) Durchkriechen zweier extrem enger Öffnungen. Öffnung 1 kann mit angelegtem Gerät passiert werden, indem man sich wie eine Schraube durch das Loch dreht. Öffnung 2 kann nur auf dem Rücken liegend, AS-Gerät weit unten zwischen den Beinen (niedriges Profil), passiert werden.
3) Retten eines AS-Trägers aus einem extrem schmalen Raum (simulierter Schacht oder Kriechgang). Es geht darum, zu erlernen wie der erste Retter über das Opfer gelangt, es transportfertig verpackt und aufrichtet, damit der zweite Retter genug Platz hat, den Raum zu betreten und sich hinter dem Opfer unter die “Fenster”öffnung begibt, um die AS-Flasche des Opfers über die Kante zu hieven.
Die weitere Rettung, z.B. über eine Leiter, erfolgt, indem man das Opfer auf der Leiter hinuntergleiten lässt. Sicher, aber gleichzeitig viel schneller als jedwedes Abseilen.



Die dritte Ausbildungsstufe ist das Anwenden des Erlernten im Brandhaus während einer ganztägigen praktischen Ausbildung, von einem Szenario zum anderen. Brutal, aber wirkungsvoll!