Videoanalyse zum Wohnungsbrand Bründlgraben

von Christoph Gruber und Gerhard Urschler / Manfred Wimmer (Video)Zuletzt am Montag, 15. Februar 2016 geändert.
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Feuerwehreinsatz in einer Wohnhausanlage: Das sind genau die Geschehnisse, die den Bürgern unter die Haut gehen, jeder kann sich in die Lage des Betroffenen versetzen und empfindet Unbehagen bei dem Gedanken, es hätte die eigene Wohnung sein können. Die Feuerwehr berichtet im Nachhinein über das Einsatzgeschehen und will dabei in erster Linie die Arbeit der ehrenamtlichen Einsatzkräfte aufzeigen. Der Einsatz selbst ist in ein paar Minuten erledigt. Damit dies aber reibungslos gelingen kann, sind jahrelange Ausbildung und Training notwendig. Lesen Sie selbst!

Bei diesem Wohnungsbrand am 8. Februar 2016 gab es eine nahezu lückenlose Dokumentation: Kameraden des ersten und zweiten eingesetzten Atemschutztrupps trugen Kameras auf ihren Helmen. Ein engagierter Fotograf war zufälligerweise in der Nähe: Manfred Wimmer dokumentiert unsere Arbeit schon seit vielen Jahren, hier gelangen ihm Videoaufnahmen aus der Anfangsphase des Einsatzes.

Diese drei Perspektiven erlauben eine einmalige Möglichkeit zur Darstellung der Arbeit der eingesetzten Trupps. Die Feuerwehr Krems analysiert laufend die eigene Einsatztätigkeit, damit können Schwerpunkte in der Ausbildung besser gewichtet werden und die Einsatzkräfte erhalten - wie zB. im Spitzensport üblich - auch Feedback über die eigene Leistung. 

Im Folgenden wurde die Arbeit der Feuerwehr sehr detailliert aufgearbeitet. Bitte achten Sie auf die Zeitschiene, der Einsatz ist in wenigen Minuten abgearbeitet. Zeitpunkt 0:00 beginnt mit dem Eintreffen an der Einsatzstelle. Auch die Funkgespräche am "Atemschutzfunk" (Direct Mode) sind im Hintergrund zu hören.

(Zeit 0:00)


Nach der Erkundung durch den ersten Fahrzeugkommandanten wurde die erste Löschleitung durch den Atemschutztrupp vorgenommen. Der erste Gedanke gilt immer möglichen Bewohnern: Menschenrettung ist die oberste Pflicht. Da unklar war, ob sich noch Personen im Objekt befanden, wurde die Wohnungstüre gewaltsam aufgebrochen.

(Zeit 0:14)

Nach dem Öffnen der Türe war ersichtlich, dass die Wohnung vollständig verraucht war. Der bereitgestellte "Rauchverschluss" (das Gestänge mit Vorhang) wurde unverzüglich in die Türe eingebaut. Damit wird verhindert, dass der Rauch aus der Wohnung ins Stiegenhaus kommt: Die Tür ist ja aufgebrochen und von einer Schlauchleitung blockiert. So bleibt das Stiegenhaus als Fluchtweg erhalten und weitere Schäden wurden verhindert.

(Zeit 0:22)

Während des Einbaus des "Rauchverschlusses" wurden die "Totmannwarner" (Bewegungslosmelder) aktiviert, hierfür wird ein Schlüssel abgezogen. Diese Geräte schlagen Alarm, wenn ein Atemschutzgeräteträger verunfallt und sich mehrere Sekunden lang nicht bewegt. Zusätzlich kann der Alarm in einer Notsituation auch selbst aktiviert werden. Der abgezogene Schlüssel verbleibt bei der entsendenden Führungskraft, die laufend Kontakt zum Atemschutztrupp hält und die Atemschutzüberwachung durchführt.

(Zeit 0:24)

Hier sieht man auf der Rückseite des Objekts, dass die Rauchentwicklung aus den Fenstern zunimmt, wenig später konnte der Fahrzeugkommandant dies erkennen und gab per Funk an das in Anfahrt befindliche zweite Löschfahrzeug den Befehl, eine Löschleitung an der Rückseite zur Sicherung vorzunehmen. Der Vollwärmeschutz kann bei Flammenüberschlag schnell in Brand geraten, diese Maßnahme ist also unbedingt notwendig. Bei der Ersterkundung unmittelbar nach dem Eintreffen war dieser Rauchaustritt noch nicht sichtbar. Der Brand konnte sich unentdeckt schon längere Zeit entwickeln, innerhalb von Sekunden wurden die Flammen größer.

(Zeit 0:33)

Der Atemschutztrupp betrat den Brandraum, durch die Verrauchung war die Sicht massiv eingeschränkt. Mit Hilfe der Wärmebildkamera konnte die Orientierung etwas erleichtert werden. Aber auch mit der Wärmbildkamera beträgt sich Sichtweite nur wenige Meter. Der Brandherd konnte noch nicht lokalisiert werden. Zeitgleich werden alle Räume am Weg abgetastet (!!), ob sich hier Personen befinden.

(Zeit 0:59)

Die Fenster im Außenbereich zerbrachen durch die Hitze und Flammeneinwirkung und es kam zum Flammenüberschlag. Im Inneren konnte der Brand noch nicht lokalisiert werden.

(Zeit 1:10)

In der Wärmebildkamera konnte erstmals der Brand lokalisiert werden, zeitgleich begann der zweite Atemschutztrupp mit dem Aufbau der Löschleitung im Außenbereich. Kurz zuvor erfolgte die Absprache, dass zum Schutz des Vollwärmeschutzes eine Wasserabgabe von außen erfolgen soll, im Inneren blieb die Priorität weiter auf der Personensuche, ohne dabei den Brand aus den Augen zu lassen.

(Zeit 1:30)

Der Brand wurde von außen abgelöscht, rasch sieht man an der Änderung der Rauchfarbe den Löscherfolg und der Rohrführer stoppte unmittelbar die Wasserabgabe, um keinen unnötigen Schaden zu verursachen und auch nicht die Kameraden im Inneren mit großen Mengen Wasserdampf zu beaufschlagen.

(Zeit 2:10)

Nachdem die Gefahr einer raschen Brandausbreitung durch Zündung der Rauchgase massiv minimiert wurde, erbat der Trupp im Inneren das Schaffen einer Abluftöffnung von außen. Der motorbetriebene Lüfter vor der Eingangstüre wurde bisher nicht aktiviert, da zusätzliche Luftzufuhr ohne intakter Abluftöffnung auch zu einer raschen Brandausbreitung im Inneren sorgen könnte.

(Zeit 3:20)

Der zweite Trupp betrat die Brandwohnung durch die mit dem "Haligan-Tool" eingeschlagene Balkontüre. Um rasch den Brandrauch abzuführen, wurde mit dem Strahlrohr in der Sprühstrahlstellung nach außen gespritzt. Hierbei wird durch die "Injektor-Wirkung" Brandrauch nach außen gezogen und die Sichtbedingungen werden rasch verbessert. Diese Technik nennt man hydraulische Ventilation und wird bereits seit zehn Jahren mit Erfolg bei der Feuerwehr Krems verwendet.

(Zeit 4:30)

Zusätzlich wurde nun auch der motorbetriebene Lüfter in Einsatz gebracht. Rasch verbesserte sich die Sicht, die Wohnung wurde daraufhin genau nach vermissten Personen abgesucht und die letzten Brandherde konnten abgelöscht werden. Zur Wahrung der Privatsphäre findet man dies nicht mehr am Video. Es stellte sich rasch heraus, dass sich keine Person in der Wohnung befand.

Fazit: Nach wenigen Minuten ist der Brand eingedämmt und die Wohnung durchsucht. Die einzelnen Einsatzkräfte treffen ihre Entscheidungen in Sekunden, ohne über alle Fakten Bescheid zu wissen. Die "Bereichsleiter" (Einsatzabschnittsleiter) koordinieren die Einsatzkräfte, die Trupps geben Statusrückmeldungen und erlauben eine genaue Steuerung der Lage. Zusätzlich (das ist nicht auf dem Video zu sehen) passieren noch viele andere Dinge: die parallele Durchsuchung der restlichen Wohnungen im Haus, Absperrung von Strom und Gas, Sperre der Straße, Befragung von Nachbarn (fehlt ein Bewohner?), Ressourcenplanung (wird Verstärkung benötigt?), Begutachtung der Fassade (verflixter Wärmeschutz!), etc.

Das Originalvideo wurde zum Schutz der Privatsphäre der Bewohner ordnungsgemäß geschnitten, diese Fassung steht hier zur Ansicht bereit: Link zum Video auf youtube. Die Feuerwehr Krems legt großen Wert darauf, dass durch derartige Filmaufnahmen keinerlei Rechte Dritter verletzt werden und Filmaufnahmen während eines Einsatzes zu keinerlei Verzögerungen führen. Fotografen und Pressevertreter müssen sich immer bei der Einsatzleitung melden: Der Einsatzleiter erteilt Freigaben für den Einsatzbereich. Gehen Sie niemals auf eigene Faust unbegleitet in den Einsatzraum der Feuerwehr. Denken Sie daran: Der Einsatzerfolg geht für uns immer vor!