Dienstag, 1. April 2014

Soziale Medien und das Hochwasser

von Gerhard Urschler

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Zuletzt am Mittwoch, 2. April 2014 geändert.

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In den letzten Tagen dreht sich das Meinungsbarometer wieder einmal wie verrückt im Kreise: soziale Medien sind aufgrund von ein paar Facebook-Gruppen, die beim Hochwasser "Daumen gesammelt" haben, wieder in aller Munde. Teilweise werden hier armselige Versuche auf Kosten anderer Geld zu machen mit selbstorganisierter Bürgerwehr verglichen, auf der anderen Seite wird über Datenmissbrauch und Urheberrechtsvergehen gejammert.

In der Vergangenheit hatten die Einsatzorganisationen oftmals mit dem Phänomen des "Schaulustigen" zu kämpfen. Beim Hochwasser 1991 gab es in Krems-Stein Handgreiflichkeiten, da sich Schaulustige durch die Einsatzkräfte behindert fühlten, Exekutive und Bundesheer musste das Katastrophengebiet absichern. Diese Schaulustigen vor Ort sind deutlich weniger geworden, ausgestorben sie aber nicht: sie sind in die Weiten des Internets umgezogen.

Dort lässt sich viel schneller Schaulustiger spielen, unter dem Deckmantel "Informationen weiterzugeben" werden hier wahllos Nachrichtenschnippsel und Bilder zusammengetragen und assoziationsfrei zu einem bunten Stream zusammengemixt. Damit lässt sich auch das eine oder andere Helfersyndrom besänftigen, man arbeitet ja mit, man bringt sich ja mit all seinen Möglichkeiten ein!

Die Befürworter dieser elektronischen Hochwasserhilfe preisen natürlich die selbstorganisierten Flashmobs, die schnelle und personenenbezogene Lageinformation, die umfassende Datenfülle die aus den Facebookberichten quillt und wollen es der Öffentlichkeit als die Bürgerhilfe der Zukunft unterjubeln.

Die Kritiker sehen es meist mit den Augen der Behörde, sind also völlig ahnungslos in Bezug auf Facebook (viele Behörden sperren ihren Mitarbeitern im Dienst routenmässig Facebook...) und sehen in erster Linie die Gefahr durch Falschinformation und die fehlende Kontrollierbarkeit. Die Befürchtungen der Behörde treffen in selbsterfüllender Weise natürlich zu!

Die besser Informierten weisen zu Recht daraufhin, dass Facebookberichte einen höheren Unterhaltungswert aufweisen und leichter konsumierbar sind (wer will schon lernen was ein "hydraulischer Grundbruch" ist wenn er einen Zeitungsartikel liest). Natürlich verflacht so ein völlig von Tatsachen unbetroffener Bericht ein wenig die Wirklichkeit, da geht einem das "D"-Wort, (Dammbruch) viel leichter über die Lippen - und wen störts, das es nicht stimmt, und der Damm gar nicht gebrochen ist? Facebook soll in erster Linie unterhalten, warum es dann ausgerechnet in einer Katastrophe auf einmal eine andere Bedeutung erhalten soll, ist selbst auf den zweiten Blick schleierhaft.



Der Grund für den Erfolg für Facebook und Co ist in einer Katastrophensituation ein vielschichter, lässt sich aber meines Erachtens in erster Linie aus einem Versagen der Organisation ableiten.

Die Befürworter behaupten, dass über Facebook eine Problemstellung rasant verbreitet werden kann und Helfer schnell an die Einsatzstelle gebracht werden können. "Dort haben Sandsäcke und Leute gefehlt und Facebook hats gebracht". Ich behaupte das Gegenteil. Ein Flashmob, also wahllos zusammengewürfelte Menschen, die sich zufällig zum gleichen Ort zur gleichen Zeit treffen, sind nur ein Studentenulk, ohne Koordination verpufft die ehrlich eingebrachte Energie nämlich wirkungslos.

In Krems-Stein hat dies beim Hochwasser 2013 seltsamerweise ohne Facebook ganz perfekt funktioniert. Die Feuerwehr und die Mitarbeiter der Stadtwerke haben in den betroffenen Ortsteil 4 Sandsackdepots angelegt, und dorthin Sand und Sandsäcke abgeladen. Damit konnten sich betroffene Bürger selbst Sandsäcke zum Schutz ihrer eigenen Häuser füllen. Schaufeln wurden keine hingebracht, in einem Hochwasserschutzgebiet besitzt man Schaufeln (spätestens seit dem letzten Hochwasser...).

Parallel dazu haben die Einsatzkräfte Sandsäcke zumn Schutz der Hochwasserschutzanlagen gefüllt. Der Bevölkerung wurde klar mitgeteilt, dass die Sandsäcke neben der Hochwasserschutzwand nicht zum Eigengebrauch verwendet werden dürfen. Die Steiner Bevölkerung hat dies verstanden und nachdem sie den Eigenbedarf zum Schutz der eigenen Häuser gedeckt hatte, haben sie weitergearbeitet und die Sacksäcke für den Hochwasserschutz mitgefüllt. Diese Sandsäcke hat die Ortsbevölkerung gefüllt - und kein per Internet herangeholter Flashmob. Das war auch gut so. In einem Stadtteil, der kurz vor der Evakuierung steht, ist es völlig sinnlos, ortsfremde Personen heranzulocken, die dann per GPS versuchen das Sandsackdepot am Schürerplatz anzusteuern. Im Gegenteil, die Exekutive, die Hand in Hand mit Feuerwehr und Bevölkerung gemeinsam arbeitet, ist von der Einsatzleitung angehalten, ortsfremde Personen höflich weiterzusenden. Ein Platzverbot wurde behördlich nicht verfügt, die Disziplin in einem Wachauer Hochwasserschutzgebiet erfordert dies auch nicht (mehr).

Die Menschen hier sind durch einige Katastrophen gegangen und haben mehrere Dinge gelernt: in Krisensituationen kann man sich auf die Feuerwehr verlassen das ganze zu organisieren, und dann helfen alle zusammen. Das klappt sehr gut, neu Hinzugezogene oder die vielen Studenten die in Stein wohnen, machen hier selbstverständlich mit.

Dieses Prinzip funktioniert also ganz ohne Facebook, in dieser stabilen, wohlorganisierten Lage würde das soziale Medium Chaos und Unordnung stiften. Anrainer mit einer klaren Aufgabe, soviel Sandsäcke wie möglich zu füllen, leiden auch nicht unter unerfüllten Helfersyndromen oder tödlicher Neugier, sofern sie die Gewissheit haben, dass die Organisation funktioniert und die Informationen ausreichend sind.

Anders schaut es aus, wenn entweder das Vertrauen fehlt oder die Informationen zu spärlich sind. Dann versuchen die an den ständige "Live-Stream" gewöhnten hier in sozialen Medien krampfhaft an Informationen zu gelangen. Die traditionellen Medien erfüllen diese Rolle nicht (mehr). Tageszeitungen üben sich in normaler Berichterstattung, diese ist aber für Personen AUSSERHALB des Katastrophengebietes gedacht. Da reicht der Bogen von einer komprimierten Berichterstattung über die Einsatzschwerpunmkte, Expertenmeinungen bishin zu Trivia wie "Social Interest" Interviews.

Was aber dort völlig fehlt sind die örtlich relevanten Informationen: Wo bekomme ich Sandsäcke wenn ich am Rathausplatz wohne? Ist mein Haus in der Schillerstrasse gefährdet? ... In Ihrer Not versuchen die Bürger nun soziale Netze zu nutzen, das machen sie ja im normalen Leben auch. Sie übersehen dabei nur, dass die sozialen Medien nicht gegeignet sind, qualifizierte Auskunft zu geben. Gerade weil jeder dort posten kann, steht auch jedes noch so dämliche Gerücht drinnen und verbreitet sofort Angst und Schrecken ("die Donaubrücke in Krems wird überflutet!").

Offiziellen Aussagen wird aber nicht gerne Glauben geschenkt, der Glaube, dass "die Behörde" Informationen verheimlicht, ist tiefverwurzelt (das Grundübel Datenschutz: wo beginnt er?). Hier gilt es Nachrichtenkanäle zu finden, die glaubhaft sind, kontrolliert sind und qualifiziert sind.

Diese Lücke haben wir hier auf www.feuerwehr-krems.at und www.bfk-krems.at ganz bewusst zu füllen gesucht. Die Feuerwehr ist glaubhaft, wir sind hier in Krems ganz gut strukturiert, wir haben selbst in der Katastrophe bei unseren Artikeln mit Qualitätskontrolle gearbeitet - und wir sind qualifiziert wie kein zweiter. Der Bezirksführungsstab, sowie die Einsatzleitung der Feuerwehr Krems hat gemeinsam mit dem Stab des Magistrates der Stadt Krems den Einsatz aus einem Gebäude geleitet, es wurden regelmäßig gemeinsame Stabsbesprechungen geführt. Hier war die Gefahr von Fehlinformation sehr gering, und diese Sicherheit konnten wir gut in den Informationen im Internet hinausbringen. Facebook war für uns nur der Transporteur unserer Links zu den Berichten, Kommentare sind in der Katastrophe unerwünscht.

Gegen völlig irrwitzige Aufrufe haben wir versucht mit Gegenaufrufen zu kontern, mit klaren Anweisungen bestimmte Ortschaften nicht als Helfer auf eigene Faust aufzusuchen. Hier kamen teilweise verblüffende Reaktionen: wütende eMails z.b. aus Oberösterreich, wo der Autor meinte, die Lage schon klarer beurteilen könnten als wir, da eine Verwandte ihn mit Nachrichten via Facebook versorgt. Oder das Kremser Schulgebäude, das aufgrund eines Facebookaufrufes evakuierte: die Lehrerin, die persönlich in der Einsatzleitung angerufen hatte, konnte sich mit Informationen aus erster Hand nicht gegen die Facebookhysterie der Kolleginnenschaft durchsetzen.

Sehr positiv dagegen aber viele andere Rückmeldungen. Hier wurde sehr treffend festgestellt, dass auf Facebook die relevanten Informationen sehr rasch zugedeckt werden, durch einen Berg an trivialen Informationen und einem Sammelsurium an zweifelhaften Informationen. Eine strukturierte Website ist hier deutlich besser geeignet wichtige Informationen zu transportieren.

Keine Frage, wir können hier noch viel dazulernen, wie wir unsere Berichterstattung anpassen müssen, um sie facebookgerechter zu machen (die Methode alle Substantive und Verben wegzulassen ist für den Anfang schon ganz gut), aber so schnell werden wir Facebook nicht mit einer helfenden Hand verwechseln. Als Einsatzorganisation suchen wir Nachrichtenwege, die es uns erlauben, uns wichtige Informationen personalschonend zu verbreiten. Damit dies funktioniert müssen wir offenbar ein gerütteltes Maß an Unterhaltungswert beisteuern. Da ist nichts Schlechtes daran, wenn es hilft, Sicherheit und Ordnung aufrechtzuerhalten.

Die Meldungen der Feuerwehr mit Verhaltensregeln sind in der Katastrophe nicht als Wunschprogramm zu verstehen, und kein Bewohner von Krems-Stein hat daran gezweifelt. Die Ankündigung, alle PKW aus dem Ortsteil zu entfernen hat noch in der gleichen Nacht zu leeren Straßen geführt, und mit "leer" meine ich, dass nur EIN EINZIGES AUTO mit dem Kranfahrzeug abgeschleppt werden musste - und der Besitzer stand daneben, es war nur der Schlüssel nicht auffindbar!

Das ist der Unterschied zu anderen Regionen. Wenn keine Katastrophe herrscht, schimpfen die Kremser wie alle anderen auch über Bürgermeister, Parkraumbewirtschaftung, Lärmbelästigung und üble Gerüche. In der Krise agiert die Bevölkerung hier mittlerweile aber anders.

Das war nicht immer so. Krems-Stein hat aber mit der Donau einen harten Lehrmeister. Die letzten Hochwässer haben ein erfolgreiches Verhalten antrainiert, die Stadt und das Land haben technische Mittel wie den mobilen Hochwasserschutz bereitgestellt - und daneben steht eine der schlagkräftigsten Feuerwehren des Landes bereit.

Können Sie mir nochmals erklären, wozu Sie Facebook in der Katastrophe brauchen?

Gerhard Urschler ist Leiter des Verwaltungsdienstes bei der Freiwilligen Feuerwehr in Krems an der Donau, kann durchaus als technikaffin bezeichnet werden, ist auch auf Facebook zu finden und war bei den letzten drei großen Hochwässern in Krems stets mit dabei.