Mittwoch, 21. November 2012

Austritt von Acryloylchlorid am Campus in Krems

von Gerhard Urschler, Gernot Rohrhofer, Manfred Wimmer

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Zuletzt am Mittwoch, 21. November 2012 geändert.

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In einem Laborgebäude am Campus in der Alauntalstraße wurden Mitarbeiter durch einen stechenden Geruch auf einen Austritt einer Chemikalie aufmerksam. Nach kurzer Nachschau vermuteten die Labormitarbeiter ein zerbrochenes Gefäß. Nachdem auch giftige Substanzen verwendet wurden, räumten die Mitarbeiter das Gebäude und alarmierten die Feuerwehr.

Der Disponent alarmierte die Feuerwache Stein, die Hauptwache per Generalalarm, die Schadstoffgruppe sowie Rettung, Polizei, Magistrat und Schadstoffberatungsdienst (siehe auch das Alarmierungsprotokoll).


Die ersteintreffenden Einsatzkräfte der Feuerwehr wurden von einem leitenden Mitarbeiter des Labors über die möglicherweise ausgetretenen Substanzen informiert. Vermutet wurde ein Austritt von Vinylacetat oder Acryloylchlorid. Die Gebäudeverwaltung hatte in der Zwischenzeit die Räumung des Gebäudes abgeschlossen.

Aufgrund der relativ genauen Beschreibung der Verpackungseinheit und der Art der Substanzen wurde entschieden, einen Trupp mit Atemschutz und Schutzanzügen (SST2 Microgard) ins Labor zu entsenden und den beschädigten Behälter zu suchen und dann in ein Transportfass umzulagern. Aufgrund der Vielzahl an Behältnissen, Glasflaschen und Prüfröhrchen wurden aber weder der erste noch der zweite Trupp fündig. Die Chemikalien wurden ins Freie transportiert, dort erfolgte eine Sichtung durch Chemiker.

Mit einem Trupp wurde mit Messgeräten der Gefahrenbereich untersucht. So konnte das hochentzündliche Vinylacetat eigentlich ausgeschieden werden, es wurde mit einem E-Lüfter und der hauseigenen Brandrauchentlüftung begonnen, den gesamten Bereich zu ventilieren.


Um die Suche zu unterstützten, wurden mittlerweile spezielle Messgeräte aus St. Pölten und der Landesfeuerwehrschule vom Schadstoffberatungsdienst alarmiert.

In einem zweiten Arbeitsschritt wurden nun sämtliche Chemikalienbehälter aus dem betroffenen Kühlschrank abtransportiert. Hier wurden zuerst der Vinylacetat-Behälter unversehrt entdeckt, in der vorletzten Charge dann schließlich die Acryloylchlorid-Flasche. Diese war zerbrochen, der Großteil der Substanz ausgeronnen, der Überkarton deutlich verfärbt. Insgesamt waren 100ml der Substanz vorhanden, ein Großteil war davon ausgetreten.


Der Acryloylchlorid-Behälter, die Verpackung und alle in dem Karton befindlichen kontaminierten Behälter wurden in ein Transportfass umgelagert und einem Entsorgungsunternehmen an der Einsatzstelle anvertraut. Auch die verwendeten Schutzanzüge, Handschuhe und Absperrbänder sowie das am Dekontaminationsplatz verwendete Wasser wurde abtransportiert.

Die Alauntalstraße war während der ganzen Dauer des Einsatzes gesperrt, so auch Vortragsräume am Campus. Die Studenten nahmen es gelassen, die Autofahrer weniger.

Rund 50 Personenen wurden in Sicherheit gebracht, verletzt wurde niemand. Wie es zum Bruch der Flasche mit Acryloylchlorid kam, ist nicht bekannt.


Acryloylchlorid wird unter anderem zur Polymerisation in der organischen Synthese verwendet. Es handelt sich um eine sehr giftige, leicht entzündliche und umweltschädigende Substanz. Es reagiert heftig mit Wasser und stellt vor allem ein gefährliches Atemgift dar, da die Lungenschleimhäute angegriffen werden. LC50: 92mg/m³/2h. Eine krebserregende Wirkung ist nicht bekannt.

Eingesetzte Kräfte:
Feuerwache Stein
Hauptwache
Schadstoffgruppe
Schadstoffberatungsdienst
FF St. Pölten-Stadt
NÖ Landesfeuerwehrschule
Polizei Krems
Rotes Kreuz
Magistrat Krems
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